Léa Marchand öffnet die Tür zu einem Raum in Bockenheim, in dem es nach Lavendel und altem Holz riecht. Sie ist seit zwölf Jahren Yogalehrerin, hat in Paris angefangen und unterrichtet heute in Frankfurt. Wir haben uns am Donnerstagnachmittag getroffen — zwischen zwei Klassen, mit Tee und ohne Eile.
Über das Sprechen
„Ich rede heute weniger“, sagt sie gleich zu Beginn. Früher habe sie jede Pose ausführlich angesagt, mit Worten, die sie sich in ihrer Ausbildung angeeignet hatte. Heute bleibt sie oft minutenlang stumm. Die Schüler:innen finden ihre Asana selbst, korrigieren sich selbst, oder warten, bis Léa zur nächsten Haltung führt.
„Ich habe gelernt, dass mein Sprechen den Raum füllt, in dem die Schüler:innen sich selbst hören sollten. Wenn ich nichts sage, kommen sie schneller zurück zu sich.“
Über das Hören
Bevor die Stunde beginnt, sitzt Léa fünf Minuten still im Raum. Sie hört, wer hereinkommt, wie schwer der Schritt ist, ob jemand atmet wie nach einem Sprint oder wie nach einem Spaziergang. „Manchmal merke ich vor dem ersten Sonnengruß, was die Klasse heute braucht. Dann passe ich die Sequenz an.“

Über Anfänger:innen
Die meisten Neuen, die in ihre Klasse kommen, seien zwischen dreißig und fünfzig Jahre alt. Sie kommen mit dem Eindruck, dass Yoga ein Sport sei, den man „können“ müsse. Léa korrigiert das nicht mit Worten — sie zeigt es mit der Sequenz. „Wenn ich fünfundvierzig Minuten lang keine fortgeschrittene Pose ansage, lernen die Leute selbst, dass die Praxis nicht aus Tricks besteht.“
„Anfänger:innen brauchen keine Tricks. Sie brauchen einen Raum, in dem nichts von ihnen verlangt wird.“
Über die Atmung
Pranayama unterrichtet Léa nur am Rande. „Ich nenne es nicht einmal beim Namen. Ich sage einfach: drei Atemzüge in dieser Position. Mehr braucht es nicht, um den Kopf herunterzufahren.“
Über die Branche
Wenn man sie nach den Veränderungen der vergangenen Jahre fragt, wird sie nachdenklich. Die Studios in Frankfurt seien insgesamt ruhiger geworden. „In den 2010er Jahren ging es viel um Hot Yoga, um Power Yoga, um spektakuläre Posen für die Kamera. Das hat sich verschoben.“
Heute gebe es mehr Anfängerklassen, mehr Klassen für Erwachsene über fünfzig, mehr Klassen, die einfach „Hatha“ heißen, ohne Zusatz. Die Schüler:innen suchten weniger das spektakuläre, sondern das verlässliche.
Über das eigene Üben
Léa selbst praktiziert morgens, immer im selben Raum, immer mit derselben kurzen Sequenz. „Wenn ich abends unterrichte, brauche ich morgens etwas, das mich an meinen eigenen Körper zurückbringt. Sonst werde ich beim Unterrichten nur eine Stimme.“
Über das Aufhören
Wir fragen sie, wann sie aufhört zu unterrichten. Sie lacht. „Solange ich morgens auf die Matte gehen will, werde ich auch abends andere auf die Matte holen.“
„Eine Stunde Yoga ist nichts Spektakuläres. Sie ist eine Stunde, in der man nicht woanders sein muss.“
Coda — Was wir gelernt haben
Wir verlassen das Studio gegen sechs Uhr, kurz bevor die nächste Klasse beginnt. Die Schüler:innen kommen schon herein, ziehen die Schuhe aus, setzen sich still. Léa sagt nichts. Sie hört zu.
Hinweis: Die in diesem Gespräch geäußerten Ansichten der interviewten Person spiegeln nicht zwingend die Position der Redaktion wider.
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